Was Dich nicht umbringt, das macht Dich hart!
Sagte zumindest meine Oma immer.
Ich glaube, für mich kann ich das nicht behaupten.

Es gab vor einigen Jahren mal einen Tag, an dem mir ein Arzt sagte:
„wenn Sie so weiter machen, wenn Sie auf dem Status von heute bleiben, dann sind Sie mit spätestens 32 tot!“
Es mag sein, dass Ärzte so etwas öfter sagen um eine fragwürdige Methode zur „Motivation“ anzuwenden aber in meinem Fall hätte es vermutlich gestimmt.

In der vergangenen Woche rollte dieses mies gelaunte Wetter-Hoch über Deutschland und bescherte Hamburg gefühlte Kernschmelz-Temperaturen.
Ich habe nichts gegen Hitze – solange ich im Urlaub bin, am Stand liegend oder im Meer dümpelnd. Für heimische Verhältnisse, den ganzen Tag arbeitend und vorzugsweise nicht aussehen wollend als wäre man gerade irgendwo rausgezogen worden, finde ich knappe 38 Grad dann aber doch eeeeetwas drüber.
Ich bin kein großer Freund von krassen Temperaturen aber als Deutsche liegt mir das „Über das Wetter motzen“ – Gen ja inne.

Vor 5/6 Jahren um diese Zeit wäre ich vermutlich umgekommen bei dem Wetter – und das meine ich nur halb ironisch.
Heute gehe ich durch solche Tage zwar nörgelnd aber ohne größere Komplikationen, ich sitze abends auf meiner Terrasse anstatt am Tropf im Krankenhaus und auch sonst habe ich nicht mehr das Gefühl, im nächsten Moment aus den Latschen zu kippen nur weil mein Kreislauf, mein Herz also, den Anstrengungen nicht mehr gewachsen ist.

Mit 32 bist Du tot.

Das hat damals ziemlich gesessen.
Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern und fand ihn im ersten Augenblick so gar nicht motivieren. Wie auch?! Ich war so stark damit beschäftigt in meinem Selbstmitleid zu ertrinken, dass es keinen Raum gab für „vielleicht hat er ja Recht.“
Ich musste Schuld zuweisen und mich darüber beklagen, wie man so gemein zu mir sein konnte.

Die letzten Tage ertappte ich mich, bei dieser Hitze, bei einem ganz fiesen Gedanken der da lautete:
„Wie, zur Hölle, habe ich das all die Jahre eigentlich überlebt?“
Eine gute Frage und fast ein wenig verwunderlich denn ich bin gut darin mich zwischenzeitlich an düstere Seiten der damaligen Zeit gekonnt nicht mehr zu erinnern, aber natürlich war es schlimm. Natürlich war Hitze mein Gegner.
Einmal sogar fast mein Endgegner.
Ich ging nicht raus und in der Wohnung war es unerträglich. Vom schwitzen mal ganz abgesehen rauschte mein Kreislauf in den Keller und kam dort Tagelang nicht wieder raus. Mein Körper war der Anstrengung nicht mehr gewachsen und so haute es mich aus den sprichwörtlichen Latschen.

Ich weiß noch wie es war, im Krankenhaus, und ich weiß noch sehr genau, wie unendlich ich mich dafür schämte, dass ich „hier“ nur liege, weil ich auf Grund meines Gewichts und meiner Konstitution das verdammte Wetter nicht vertrage.
Das Wetter!
Ich meine, hey, wir sprechen nur vom Wetter.
Und damit meine ich keine Flutwellen oder Kälteeinbrüche um die -50°C.
Es war nur Wärme.
Tot durch zu Fett.
Tot durch Dummheit!
Welch fürchterlich niveauloser Moment!!
Welch Demütigung von mir an mich.

Ich bin ein stolzer Mensch. Meistens.
Heute viel mehr als damals.
Wenn ich nicht einen dieser Bad-Hair-Day habe, zugegeben.

Als ich dann da lag, platt wie ein angespülter Wal, am Tropf mit der Diagnose „eigentlich haben Sie nichts, Sie sind nur… nun ja… wissen Sie… zu schwer, Ihr Körper schafft das nicht mehr.“ hätte ich mich am liebsten eingebuddelt.
Und geohrfeigt.
Und geweint.
Un getrauert um die verlorene Zeit.
Da liege ich da und beklage mich über das Wetter.
Welch Irrsinn!
Ich hätte mich beklagen sollen über mich selbst. Über diesen absurden Zustand in dem ich mich befand. Über dieses Gewicht, für das ich gesorgt hatte.
An diesem Bett überbrachte mir der Arzt auch die Mitteilung, dass ich meinen 32. Geburtstag nicht erlebe, wenn ich nichts ändern würde.
Und natürlich erschlug ich als Reaktion auf diese Nachricht den Boten.
Scheiß Arzt!
Was bildet der sich ein?
Was weiß der schon?!

Nun, vielleicht weiß er wirklich nichts über Übergewicht, meinen Weg oder den Kampf aber er hatte recht.
In der letzten Woche dachte und sagte ich mehrfach, dass ich keine Ahnung habe wie ich die Tage mit 100kg oder gar 170kg mehr auf den Rippen – und die hatte ich damals – auch nur im Ansatz überstanden hätte.

Was mich nicht umbringt, macht mich also härter?
Ich glaube nicht.
Ich bin weicher geworden über die Jahre und damit meine ich nun nicht meinen Arsch.
Ich bin sentimentaler geworden, heule bei Serien und kleinen Hundewelpen-Videos und finde mich dabei selbst albern. Ich bin emphatischer geworden. Vielleicht auch deshalb, weil ich nicht mehr den ganzen Tag nur damit beschäftigt bin mich wie ein Mond um mein eigenes, ach so schlimmes, Universum zu drehen. Ich bin freundlicher geworden, offener und man sagt mir nach, ich sei verletzlicher. Vielleicht stimmt das, vielleicht ist nur einfach nicht mehr so viel Fett da welches andere auf Abstand hält, vielleicht habe ich es deswegen auch nicht mehr nötig mit einem Gesicht zur Faust geballt anderen Menschen zu begegnen in der immer gleichen Abwehrhaltung, anehmend, dass gleich „der dumme Spruch“ oder „der fiese Satz“ kommt.
Ich hasse nicht mehr alle um mich herum und vor allem mich und ich bin nicht mehr so „hart“ wie früher.

Mich hat der Weg hier her nicht hart gemacht nur weil er mich nicht umbrachte. Er hat mich weicher gemacht und ich bin nicht nah am Wasser gebaut, ich bin direkt ins Wasser gebaut.
Ich bin ein Emotions-Fan geworden und dass ich nicht mehr all meine Gefühle „aufesse“ sorgt dafür, dass man mir ansieht wie ich mich fühle. Das macht mich sicher angreifbarer aber es macht mich auch schlanker und gesünder.

Ich bin dankbarer geworden für das was mein Körper alles leistet und als er mich so wie letztens durch die heißen Tage trug, ohne Kreislaufzusammenbrüche, ohne schmerzende Beine, ohne Schwindel und Übelkeit und all diesen Kram wäre mir fast durchweg zum heulen gewesen.
Nicht aus Mitleid oder Trauer sondern aus Dankbarkeit.

Ich schulde meinem Körper noch ein Leben.
Ich schulde ihm Leichtigkeit und Gesundheit.
Ich schulde ihm Achtsamkeit.

Und vielleicht ist er mein größer Verbündeter und bester Freund denn ich glaube, wäre man mit mir so umgegangen wie ich mit meinem Körper und meinem Leben, ich wäre längst weg gewesen.

Mit spätestens 32 sind Sie tot.

Morgen ist der 17.07. und mein Körper, mein Leben, all die Flausen in meinem Kopf, jede gute wie schlechte Entscheidung, jede Stärke wie Schwäche und ich, wir werden morgen 33 Jahre alt.

Es hat mich nicht umgebracht, es hat mich nicht hart gemacht und ich empfinde beides als übergroßes Geschenk.
Manchmal kotzt mich dieser Weg so unendlich an.
Manchmal habe ich so wenig Bock „heute schon wieder“ zum Sport zu gehen, mich vernünftig zu ernähren oder „nein danke“ zu sagen. Manchmal bin ich dem Thema so überdrüssig.
Aber es hat alles so viel Sinn.
Denn es ist doch egal ob ich Lust habe oder nicht, würde ich diesen Weg nicht gehen, würde ich heute sehr wahrscheinlich nirgends mehr hin gehen.
Und oh man, was hätte ich alles wunderbares verpasst!

Danke – Körper und Leben – fürs mit mir durchhalten.
Danke fürs älter als 32 Jahre werden.
Danke für Geduld mit mir.
Ich schaffe den Rest auch noch.
Für Euch.
Für Mich.
Für vielleicht noch 2x 33 Jahre.
Versprochen!

Ich werde morgen 33.
Das beste Geschenk von allen!

Nicole

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